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Invasion der Komödianten Drucken E-Mail
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Günther Hansen

Seit dem Mittelalter wurde in Deutschland das Theaterspiel von der Kirchengemeinde, den Schulen und den Zünften als meist uneigennützige Liebhaberei zur Erbauung und Belehrung anderer oder zum eigenen Ergötzen betrieben. In England hatte sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts das Berufsschauspielertum schon so entfaltet, dass sein Wachstum die Theaterfreudigkeit der Insel übertraf. Zum Festland bestand bereits seit etwa 1550 durch englische Musiker an europäischen Höfen ein lockerer Kontakt; so konnte es nicht ausbleiben, dass auch englische Schauspieler über den Kanal drängten, um ihr Glück ebenfalls außerhalb der Heimat zu versuchen. Sie hatten umso leichteres Spiel, mit überlegener Routine den eifrigen Dilettanten die Zuschauer abwendig zu machen, als sie an Stelle lehrreicher und besinnlicher Fabeln oder Parabeln gefällige und ereignisreiche Darbietungen anbieten konnten.

Ein Vortrupp von englischen Equilibristen und Instrumentalisten ist 1579/80 am dänischen Hofe, im letzteren Jahre auch schon in Leipzig nachzuweisen. 1586 hat Friedrich II. von Dänemark die in Hofdiensten stehenden englischen Spielleute und Springer an seinen Neffen Christian I. von Sachsen vermittelt. An der Spitze der in den folgenden Jahren einsetzenden Invasion von englischen Schauspielern hatte sich Robert Browne 1590 zunächst nur bis Leyden gewagt. Aber in Begleitung von John Bradstreet, Thomas Sackville und anderen Kollegen aus den Diensten Lord Howard durchquerte er 1592 die Niederlande und trat nach einem kurzen Gastspiel in Arnhem mit seinen Genossen während der Herbstmesse in Frankfurt/M auf. Die unvollständige und nur englisch sprechende Truppe musste wegen mangelhafter Ausrüstung an Kostümen und Dekorationen ihr Programm — neben dramatischen Bruchstücken — mit musikalischen, akrobatischen und pantomimischen Kunstübungen bestreiten.

Die zeitlichen Lücken zwischen ihrer Abreise aus England im Februar und dem Frankfurter Messeaufenthalt haben um so mehr veranlasst, sie vorübergehend in Wolfenbüttel am Hofe Heinrich Julius‘ von Braunschweig zu vermuten, als der Herzog 1593/94 elf selbstverfasste Dramen drucken ließ, die den Einfluss englischer Komödianten nicht verleugnen können. Diese Vermutung gilt nicht zuletzt im Rückschluss daraus als erwiesen, dass der Herzog 1596 englische Schauspieler zur Krönung des mit ihm verschwägerten dänischen Königs Christian IV. nach Kopenhagen entsandte, und dass zwei von Brownes ehemaligen Gefolgsleuten, Thomas Sackville und John Bradstreet, später am Wolfenbütteler Hof bedienstet waren. Obwohl Browne in den erhalten gebliebenen Urkunden nicht erwähnt wird, scheint Thomas Sackville die Gewähr dafür zu bieten, dass die Truppe frühzeitig nach Wolfenbüttel berufen wurde; denn bald war er als „Jan Bouset" wie Heinrich Julius in seinen Komödien den Narren nannte, bekannter als unter seinem eigenen, in allen erdenklichen Entstellungen überlieferten Namen.

Die Frage, ob der Herzog den Narren nach Sackville benannte oder dieser sich den Namen des Narren zulegte, wird unentschieden bleiben müssen. Für den Zeitpunkt seiner Verpflichtung an den Hof ist es aber von Bedeutung, dass auch sein Kollege Bradstreet 1613 schon „bey die 20 Jhar“, also etwa seit 1593, im Dienste des Herzogs war. Wann Sackville die Leitung der Hoftruppe übernahm, ist auf Grund der Rückkehr Brownes nach London im Jahre 1594 ebenfalls nur zu vermuten.

Erst 1597 wird Sackville in Wolfenbüttel als Hofbediensteter erwähnt. In diesem Jahre hat er in allen Gegenden Deutschlands mehr archivalische Spuren hinterlassen als jemals vor- oder nachher. Einem achttägigen Aufenthalt in Tübingen folgte — wie schon 1596 — ein Gastspiel in Nürnberg, von dort zog er nach Augsburg, besuchte Straßburg und spielte während der Herbstmesse in Frankfurt/M. Dort ließ er John Bradstreet und Jacob Biel mit ihren Frauen sowie seine eigene Frau für die Dauer eines Monats zurück. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er während dieser Zeit im Auftrage des Wolfenbütteler Hofes eine Reise nach England unternahm; denn um die Jahrhundertwende scheint er ganz unauffällig aus dem Narrenrock in das Gewand eines ehrbaren Handelsmannes geschlüpft zu sein. Bei seinen nun einträglicheren Geschäften mit Seide, Tuchen und Kleidern hat ihn wohl anfangs noch hin und wieder die Theaterleidenschaft gepackt. Vielleicht hat er nur während seiner Reisen. die ihn später auch nach Leipzig und wieder nach Frankfurt/M führten. die Gelegenheit wahrgenommen, den Jan Bouset auferstehen zu lassen. So wäre es einleuchtend, warum die beiden letzten Zeugnisse über schauspielerische Tätigkeit (1601) aus Frankfurt/M und aus Kassel stammen, wo „Jan Bouset“ gegen Jahresende aus der Schatulle des Landgrafen ein ansehnliches Geldgeschenk empfangen hat.

Dass Heinrich Julius seine Dramen nicht ohne Beeinflussung der englischen Komödianten verfasst hat, verbürgt nicht, dass sie auch sogleich aufgeführt wurden. Wir wissen, dass die Truppe Brownes weder 1592 noch 1593 in Frankfurt/M ein einziges deutsches Wort gebrauchte. Es ist ferner bekannt, dass andere englische Komödianten sich noch 1601 in Münster mit Ausnahme des Narren ihrer Muttersprache bedienten. Auch etliche Jahre danach spielten sie nur das, was sie in „Teutscher Sprach zuwegen bringen“ konnten; und wenn 1613 ausdrücklich betont wird, dass in „guter teutscher Sprach“ agiert würde, und noch 1618 von „nur teutscher Mundart berichtet wird, dann scheint auch das Gegenteil noch üblich gewesen zu sein. Daraus geht hervor, dass die zu einer deutschen Aufführung notwendigen Sprachkenntnisse anfangs ganz fehlten und noch lange mangelhaft blieben.

Es ist also wahrscheinlich, dass die Dramen Heinrich Julius‘ in den ersten Jahren nach ihrem Erscheinen noch nicht gespielt werden konnten. Außer der Tragikomödie „Vincentius Ladislaus“ sind seine Stücke im Repertoire der Wanderbühnen nicht mit Sicherheit zu belegen. So war auch der starke musikalische und artistische Programmanteil weniger eine Folge des Repertoiremangels als vielmehr aus den Sprachschwierigkeiten zu erklären.

Wann immer die Stücke Heinrich Julius zuerst aufgeführt wurden, ihre Hauptperson war so eng mit Thomas Sackville verknüpft, dass er sich als Jan Bouset sogar ins Kirchenbuch eingeschlichen und unter diesem Namen sein irdisches Dasein um fast zwei Jahrzehnte überdauert hat. Seine Volkstümlichkeit reichte weit über Wolfenbüttel und Braunschweig hinaus und hat dem Handelsmann sicher größere Vorteile gebracht als einst dem Possenreißer, wenngleich er schon 1597 als ein Meister seines Faches galt und 1615 als unübertroffen noch nicht vergessen war. Zu seiner derben Komik gehörte es, sich vornehm zu gebärden und seinen eigenen Dünkel durch einen lächerlichen Aufzug in viel zu großen Schuhen, überweiten Hosen und mit groben, bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Gesichtszügen ad absurdum zu führen.

Trotz seiner Geschäfte war er als Kammerdiener am Hofe angestellt, aber wohl wegen dieser Geschäfte auch niedriger besoldet als sein Kollege John Bradstreet, der als ehemaliger „Springer“ außerdem verpflichtet war, am Hofe in der Tanzkunst zu unterweisen. Er starb 1618 zu Hamersleben, sein Kollege Sackville, dessen durch Handel erworbener Wohlstand inzwischen ohne Verschulden zerronnen war, erst zehn Jahre später in Wolfenbüttel. — Neben seinen Geschäften und seinen Pflichten als Kammerdiener wird Sackville gelegentlich seine fahrenden Landsleute an den Hof vermittelt haben. Die ihm 1602 übergebenen 200 Taler für englische Komödianten dürften nicht für seine, sondern für geleistete Dienste zugereister Komödianten bestimmt gewesen sein. Die Rechnungsbücher schweigen sich leider über die Herkunft dieser Truppe ebenso aus wie über diejenige, die im Februar 1608 mit insgesamt 130 Talern entlohnt wurde.

Erst nach dem Regierungsantritt von Herzog Friedrich Ulrich berichten die Wolfenbütteler Annalen im September 1614 wieder von „brandenburgischen Comödianten“. Als ihren Anführer hat man John Spencer vermutet. Spencer hatte als Günstling des Kurfürsten Johann Sigismund von Brandenburg seit 1604 Deutschland in alle Himmelsrichtungen durchzogen und allerwärts Geschäftssinn bewiesen. In den zwei Jahrzehnten, die vergangen waren, seitdem Thomas Sackville zuerst in Wolfenbüttel Kurzweil getrieben hatte, war es kostspieliger geworden, die Schaulust zu befriedigen. Seinerzeit waren die Engländer mit dürftigster Ausstattung in Wolfenbüttel aufgenommen worden; 1614 zog John Spencer mit mehreren, nur mit den „Zubehörungen zur ausstaffierungk und grossen Präparation seiner Comödien“ beladenen Fahrzeugen durch die Lande. Ihn wird man umso weniger mit 10 Talern. wie es im Rechnungsbuch der Fürstlichen Kammer verzeichnet ist, abgefunden haben. als man anderen Komödianten 130, 200 oder 600 Taler verehrt hat.

Der kleine Betrag scheint vielmehr darauf hinzudeuten, dass entweder nur wenige Komödianten oder dass sie nur kurze Zeit anwesend waren. Ein englischer Komödiant mit seiner Truppe, auf die beides zuträfe hielt sich 1614 in Braunschweig auf. Als die Zuschauer seiner dritten Vorstellung schon fernblieben, gewährte ihm der Rat der Stadt einen Taler als Entschädigung. Man hat allen Grund, die Taler zusammenzulegen und sie im Beutel ein und desselben fahrenden Komödianten zum vermuten.

Im Frühjahr des darauf folgenden Jahres 1615 fanden sich wieder ungenannte englische Komödianten am Hofe ein. die hingegen am 8. Mai mit 600 Talern wahrhaft fürstlich entlohnt wurden. Aus einem Gesuch an den Senat von Danzig, wohin sie sich anschließend auf dem Wege nach Kopenhagen begaben. geht hervor, dass diese aus 18 Personen bestehende Truppe „einen zimlichen wegk von Wolfenbüttel" zurückgelegt hatte. Ihr Führer, John Green, empfahl nicht nur seine „actiones, sondern auch die liebliche Musicam vnndt andere kurzweilige sachen", mit denen man in Wolfenbüttel nicht anders als in Danzig die Pausen zwischen den Akten überbrückt haben wird. Diese kurzweiligen Sachen: Lieder. Clownerien, akrobatische und Volkstänze, mit denen die sprachunkundigen Fremden anfangs notgedrungen ihr Publikum unterhalten hatten, gehörten in weiten Kreisen noch immer und noch lange zu den beliebtesten Darbietungen der englischen Komödianten. John Green, langjähriger Gefährte und auch Nachfolger Brownes, hat auf seinen ausgedehnten Wanderfahrten bis 1627 zwischen Graz und Kopenhagen, Warschau und Utrecht dieses Lockmittel nicht verschmäht.

Andererseits ist der umfangreichste und, wie es scheint, auch der vollständigste aller von englischen Komödianten überlieferten Spielpläne eben derjenige von Green. Thomas Sackville kam 1597 mit 14 Stücken aus, Ralph Reeve hatte sein Repertoire 1605 schon auf 24 Stücke erweitert. Unter den 29 Stücken, die Green 1626 am Dresdner Hof aufführte, waren neben Werken anderer englischer Dramatiker auch fünf deutsche Shakespeare-Bearbeitungen: „Romeo und Julia“, „Hamlet“, „Der Kaufmann von Venedig“, „Julius Cäsar“ und „ König Lear“. Es sind nicht die ersten Nachweise von Shakespear-Aufführungen in Deutschland; „Romeo und Julia“ ist beispielsweise schon 1603 in Nördlingen, „Der Kaufmann von Venedig“ 1611 in Halle gespielt worden. Umso mehr darf man annehmen, dass Green bei seinem – wegen der ungewöhnlich hohen Verehrung von 600 Talern – sehr lang zu veranschlagenden Aufenthalt in Wolfenbüttel auch Shakespeare aufgeführt hat. Zweifellos haben englische Komödianten bis etwa 1650 noch oft in der Stadt und bei Hofe gespielt; aber an weiteren Nachrichten aus Braunschweig und Wolfenbüttel mangelt es.

Schon in den ersten Jahren hatten sich den Engländern hier und da Einheimische angeschlossen. Um die Jahrhundertmitte war die Eindeutschung beendet. Siebzig Jahre lang haben die Engländer ihre theatralische Kunst in unserem Land verbreitet und sie ihren deutschen Jüngern so einprägsam gelehrt, dass diese noch lange als englische Komödianten galten. Sie haben ihren einheimischen Nachfolgern die Werke Shakespeares und anderer elisabethanischer Dramatiker in zwar vereinfachten, allein auf den Handlungsfortgang bedachten Prosa-Bearbeitungen hinterlassen, damit aber zugleich den Impuls, die erprobte Kunst der Menschendarstellung weiterzubilden.