| Macht und Liebe im Altpapier |
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| Geschrieben von: Braunschweiger Zeitung |
| Freitag, den 28. Mai 2010 um 14:55 Uhr |
Macht und Liebe im AltpapierRebekka Stanzel inszeniert Mozarts "Zaide" auf dem Schlosshof in Wolfenbüttel Von Andreas Berger
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Das Bühnenbild, das Rebekka Stanzel schon mit ihrem Handy dokumentiert hat, sieht aus wie ein Blick ins Papierlager unserer Druckerei: Mannshohe Papierstapel überall, auch Brücken und Wege aus Papier. Der Wolfenbütteler Schlosshof wird für die Staatstheater-Produktion von Mozarts Opernfragment "Zaide" ein großes Altpapierdepot, als wollte Martin Weller hier ein Zusatzkonzert seiner Reihe "Musik und Müll" geben. "Papierberge stehen für alles, was uns belastet, was an unerledigter Arbeit vor uns steht, für sinnlose, vergängliche Arbeit, zu der man gezwungen wird", erklärt die Regisseurin den symbolischen Ansatz ihrer Inszenierung. Unerledigte Arbeit? Vergänglichkeit, Fron? Da rümpft der Zeitungsmann erstmal die Nase. Naja, wenn er an die Berge von Veranstaltungsankündigungen denkt, die sich auf seinem Schreibtisch türmen, mag sie recht haben. Und nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Aber sinnlos? Das hängt doch wohl davon ab, was draufsteht. Auch Goethes "Faust" steht auf Papier. "Unser Papier ist nicht beschrieben. Es kann mal die Form einer Zeitung, eines Briefes, von Geldscheinen haben, aber Land und Zeit sind egal", bekräftigt Stanzel. Die Figuren aus Mozarts Oper müssen arbeiten damit, "das nervt sie, aber es ist gleichzeitig ihr Leben. Daraus bauen sie ihre Welt", so Stanzel. Das klingt dann doch wieder ganz wie Zeitungmachen. Nun werden die Bühnenbildstapel aber außerdem noch aufgespießt von zwei riesigen Händen aus Pappmaché, die sich von den Wänden des Wolfenbütteler Schlosses senken: Ausdruck von Unterdrückung und Machtausübung. "Wir hatten eigentlich noch ein paar Spieße mehr geplant, damit es wirklich aussieht wie ein Spinnennetz", erzählt die Regisseurin, aber die wurden dann zu teuer. Der da Macht ausübt in Mozarts Oper, ist Sultan Soliman. Die sich ducken müssen sind: seine schöne Sklavin Zaide, verliebt in den Sklaven Gomatz. Dann der aufklärerische Höfling Allazim, der ihnen zur Flucht verhelfen soll. Und Osmin, strenger Wächter seines Herrn. Wer da nun an Mozarts spätere Oper "Die Entführung aus dem Serail" denkt, liegt richtig, auch wenn Stanzel viele Unterschiede im Detail feststellt. Wichtigster: Der Sultan singt und redet nicht nur wie Bassa Selim. "Er hat sehr starke Gefühle, entscheidet sich aber meist für die Staatsräson, muss also dann wieder den Bösen machen." "Der Gesamteindruck ist politisch erregter", sagt Stanzel. Das habe damit zu tun, dass Mozarts Leiden unter der Fron des Salzburger Fürstbischofs noch sehr frisch gewesen sei, auch fänden sich Anklänge an Mozarts Beziehung zu seinem Vater. In Gomatz klingt Romatz an, wie sich Mozart unter Umstellung der Buchstaben seines Namens in Briefen selbst genannt hat. Freilich: Das Stück ist ein Fragment, das Libretto ging verloren. Stanzel will noch nicht verraten, wie sie sich das Ende vorstellt. Als Michael Heicks das Stück 1997 im Theaterspielplatz inszenierte, kleidete er das Ganze daher in den Rahmen eines Filmdrehs, bei dem verschiedene Deutungen ausprobiert wurden. Stanzel, die in Gießen Theaterwissenschaft studierte hat und ins Musiktheater eher hineinschlidderte durch Regie-Assistenzen an der Mannheimer Musikhochschule, begeistert sich in der Oper für das Gestalten in den engen Grenzen der Musik. "Man fragt sich hier mehr, was der Komponist wollte, im Schauspiel ist man zu frei." Trotzdem gibt die 32-Jährige Schauspielunterricht an der Berliner Universität der Künste. Am Staatstheater ist sie seit zwei Jahren Regieassistentin und macht hier mit "Zaide" ihre erste eigene Produktion. Ganz aus Papier, sicher vergänglich, aber ihr Leben eben. Premiere am 4. Juni, 20 Uhr, im Schlosshof Wolfenbüttel. Karten (0531) 1234567. Freitag, 28.05.2010 |