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Handgranaten in der Wolfsschlucht Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Braunschweiger Zeitung   
Sonntag, den 15. August 2010 um 12:48 Uhr

Handgranaten in der Wolfsschlucht

Mitreißende "Freischütz"-Premiere in der Burgplatz-Arena des Staatstheaters Braunschweig

Von Andreas Berger


"Freischütz"-Premiere in der Burgplatz-Arena. Zur drückenden Musik von Webers Freischütz-Ouvertüre naht von der einen Seite Samiel, der schwarze Jäger mit breitem Gangster-Hut, von der anderen ganz in Weiß der Eremit, auch er mit Cowboystiefeln und Fransenjacke.

Handschlag, die Wette gilt. Vom Hochstand aus werden sie abwechselnd beäugen, wie sich die Menschen durchs Erdenleben schlagen.


Zwischen Schützenscheiben und Gartenzwergen

Hineingeworfen in einen Haufen Probleme hockt Jägerbursch Max auf dem Steg, und da wird er auch am Ende hocken, allen Glücksverheißungen zum Trotz. Regisseur Andreas Baesler misstraut in seiner stringenten Regie dem Märchen und legt die inneren Konflikte offen.

Da ist die uniforme Landgesellschaft, die Alfred Mayerhofer in regionale Trachten gekleidet hat. Aufgeschminkte Bärte und Wangenrot betonen die öffentliche Maskenhaftigkeit. In diese Welt zwischen Schützenscheiben und Gartenzwergen, die Ausstatter Harald B. Thor in die Arena gebaut hat, passt Max nicht hinein. Dazu hat er wohl doch zu viel mit der Natur zu tun, kommt in dunkle Wälder, wo Tradition und Gesetz nicht gelten. Dieser Wald dräut am anderen Ende der Arena.

Doch ein so verwegener Außenseiter wie Jagdkollege Kaspar will Max auch nicht sein. In der Wolfsschlucht, die Baesler als sinnenreiches Spektakel mit viel Feuerwerk und glühenden Geweih-Enden am Burglöwen inszeniert, gießt er gleichwohl mit ihm Freikugeln. Prompt begegnen ihm alle Urängste, vom Tod der Mutter und der Geliebten bis zu Kriegstoten, die aus der Erde auferstehen und wieder mit Handgranaten werfen. Ein zwingend inszeniertes Trauma aus der Nachkriegszeit.

Max stellt den modernen, zweifelnden Menschen vor, der sich moralischer Schwarzweiß-Malerei entzieht. Mark Adler singt ihn mit sehr schön direktem, stets geschmeidigem, höhensicher aufblühendem Tenor und gekonntem dramatischen Ausbruch in der Verzweiflung. Kaspar hat die Freigeisterei aus der Gesellschaft getrieben und verbittert bis zum Bösen. Christian Veit Sist gibt ihn aber weniger dramatisch-bassig als mit hell-geschmeidigem Ton.

Max’ geliebte Agathe dagegen hängt am Arm des Eremiten. Ganz aufs Idealische gewendet, ist sie Max in seinen irdischen Problemen keine Stütze. Mit herrlich weichem, füllig bis in die Höhen strahlendem Sopran gibt Mária Porubcinová ihren frommen Weisen Selbstgewissheit auch auf schwankendem Steg.

Rotglühende Geweih-Enden auf dem Burglöwen

Ihre Freundin Ännchen dagegen zeigt Baesler mit Klumpfuß, dem alten Teufelssymbol. Moran Abouloff gelingt ein faszinierendes Porträt. Koloraturgewandt mit satter Tiefenfülle zeigt sie eine handfeste Frau, die Agathes Empfindsamkeit erdet und kommentiert. Und gern nach schlanken Burschen, auch nach dem ranken Kaspar schaut. Doch ihre Erotik ist nicht Verworfenheit, sondern Anlehnungsbedürfnis.

Immerhin deckt sie am Ende Kaspars Leiche zu, packt ihre Koffer und kickt beim Gehen auch einige Gartenzwerge um: In dieser scheinheiligen Gesellschaft will sie nicht leben. Es packt einen Mitgefühl, wie sie so dem Bandido Samiel (Andreas Jäger) in die Arme getrieben wird.

Baeslers spannende Personenregie stimmt bis in die Nebenpartie des jovialen Fürsten Ottokar nach Art eines selbstherrlichen Provinzpolitikers, den Malte Roesner nobel interpretiert. Sicher ergänzen Ernst Garstenauer als Kuno und Steffen Doberauer als Kilian.

Baeslers Misstrauen in den gnädigen Schluss ist psychologisch nachvollziehbar, Max wird auch im Probejahr, das der Eremit statt Probeschuss durchsetzt, Probleme haben, Agathe versteht seine Zweifel nicht.

Politisch aber ist die Aussetzung der Tradition eine humanitäre Botschaft, die Weber musikalisch hellstrahlend feiert. Baesler feiert nicht mit, weil er den Eremiten fälschlich zur Obrigkeit rechnet, dabei ist er ein Außenseiter der Kirchenhierarchie, der sein Ohr nah an den Empfindungen und Sorgen des Volkes hat und Gottes Gnade zu christlichem Handeln macht. Selçuk Hakan Tirasoglu singt ihn mit machtvoll vibrierendem Bass.

Am Pult des Staatsorchesters entfaltet Georg Menskes sehr schön die Naturschilderungen, setzt auf Dynamik und gibt doch den lyrischen Arien Weichheit. Die Spottchöre könnten schärfer kommen, doch er bringt die stimmstarke Gruppe schnell auf Kurs. Ovationen für ein sinnreiches Freiluft-Spiel.

Vom 17. August bis 2. September täglich. Restkarten: (0531) 1 23 45 67.

Sonntag, 15.08.2010
 

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