| Wenn die Mitte vor die Hunde geht |
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| Geschrieben von: Braunschweiger Zeitung |
| Donnerstag, den 04. November 2010 um 13:10 Uhr |
Wenn die Mitte vor die Hunde gehtMarc Becker gastiert als Autor und Regisseur am Staatstheater Braunschweig – und inszeniert ein Stück aus China Von Martin Jasper
Marc Becker ist ein junger deutscher Dramatiker. Da geht man zum Gespräch mit dem mulmigen Vorgefühl: Das sind in der Regel Leute mit sehr düsterer Weltsicht. Zumal es vor ein paar Jahren schon mal ein Stück von Marc Becker im Braunschweiger Staatstheater zu sehen gab: "USamok". Super vergnüglich war das nicht, eher depressiv. Gut, aber dann sitzt man dem 41-Jährigen mit dem Pferdeschwanz gegenüber, der immerhin drei Kinder hat, was ja doch irgendwie von Optimismus kündet. Entspannt redet er über sein neues Stück "Aus der Mitte der Gesellschaft". Am Oldenburger Staatstheater hat er es inszeniert. Am Samstag, 20 Uhr, begründet es als Gastspiel im Kleinen Haus in Braunschweig eine enge Partnerschaft zwischen beiden niedersächsischen Häusern. Da traut man sich eine verwegene Frage: Ist das am Ende ein Mutmachstück? Da grinst Marc Becker und fügt eine feine Differenzierung an: "Eine Art Mutmachstück, wenn Sie so wollen, ja." Es geht darin um das Bröckeln der Mitte in der deutschen Gesellschaft. Darum, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, ihre Sicherheit zu verlieren, dass sie sich einerseits nach dem Durchbruch nach oben sehnen, andererseits zunehmend – und aus guten Gründen – von der Angst vor dem Abrutschen nach unten gebeutelt werden. "Die Mittelschicht", sagt Becker, " war immer ein Stabilitätsfaktor der Gesellschaft. Ein Puffer zwischen Arm und Reich, ein Fundament gegen den Radikalismus. Aber die Mitte war auch immer am uninteressantesten." Die Medien berichten nach Beckers Beobachtung entweder über Existenzen am unteren Rand der Gesellschaft – oder über die Glitzerwelt der Reichen. Nun komme noch hinzu, dass die Mittelschicht durch die zunehmende Angst quasi ruhiggestellt werde: "Angst macht oft sehr folgsam. Sie lähmt Kraft und Engagement." Gut. Das heißt: schlecht. Wo bleibt denn jetzt das Mutmachen? "Man kann nicht dauernd nur jammern", sagt Becker. "Das geht mir auf die Nerven." Natürlich kann ein Theaterstück keine Auswege weisen. Wichtig ist für Becker aber, dass es Debatten auslöst. Und dass der Zuschauer sich befragt: Was will ich wirklich? Woher kommt das, was ich will? Ist es anerzogen, liegt es in den Genen oder ist es von der Umwelt eingepflanzt? Er verweist auf einen Buchtitel: "Die Unmöglichkeit der Liebe". Liebe sei unmöglich, weil sie andere Optionen verbaut – in der Logik der modernen Options-Gesellschaft bedeute eine Liebe immer nur die Erwartung einer noch besseren Liebe. Nun, das ist ja, sagen wir, ein umfassendes soziologisches Programm. Bei Becker darf man deshalb kein klassisches Drama erwarten, sondern eher Textflächen, aufgeteilt auf verschiedene Sprecher. Soziologisch trocken soll es aber keineswegs werden, verspricht der Autor. Seine Textflächen seien assoziativ, mit kabarettistischen Elementen. "Als Theaterbesucher will ich unterhalten werden. Und inspiriert." Von der Mitte nach ganz unten steigt Marc Becker in der zweiten Funktion, in der er zurzeit in Braunschweig unterwegs ist: Als Regisseur des chinesischen Erfolgsstücks "Lebensansichten zweier Hunde" von Meng Jinghui. Es handelt von zwei Wanderarbeitern, die aus dem Dorf in die Stadt gehen, scheitern und wieder heimkehren. Mehr nicht. Eher ein großes Kabarett, meint Becker. "Ein comedy-artiges Totaltheater. Die beiden singen, tanzen, treiben Clownerien und Pantomime. Ein sehr tragisches, sehr lustiges Stück." Premiere ist am 20. November um 19.30 Uhr im Kleinen Haus. Donnerstag, 04.11.2010 |