| Temporeiche Nostalgie |
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| Geschrieben von: Braunschweiger Zeitung |
| Montag, den 08. November 2010 um 15:20 Uhr |
Temporeiche NostalgieFlott und poetisch – Weihnachtsstück "Pünktchen und Anton" im Großen Haus Von Florian Arnold
Adrette Dienstmädchen, prächtige Kleider, schicke Paare, die Charleston tanzen. Ach, damals im Berlin der 20er Jahre, da war die Welt noch in Ordnung. Obwohl: War sie gar nicht. "Warum habt ihr nie Zeit für mich?", fragt Pünktchen und hält Papa am Frackzipfel fest. Doch der Herr Direktor eilt mit der schönen Mama in die Oper und schiebt seine Tochter in die mageren Arme des Kindermädchens Fräulein Andacht ab.
Anton geht es auch nicht besser. Der muss sich in einer winzigen Wohnung rührend um seine Mutter kümmern, weil die arm und krank ist. Gut, dass er seine reiche Freundin Pünktchen hat, mit der es sich auf Berlins Hinterhöfen herrlich toben lässt. Regisseur Robin Telfer bringt Erich Kästners Klassiker "Pünktchen und Anton" als traditionelles Kinderstück auf die Bühne des Staatstheaters. Da ist äußerlich nichts modernisiert, der Direktor trägt Zylinder, Pünktchen Kniestrümpfe, Anton eine Schiebermütze. Die Straßenlaterne an der Litfasssäule scheint mit dem Mond um die Wette, bei Direktors schimmert der Kronleuchter prächtig. Aber in diesem nostalgischen Rahmen brennt Telfer ein Feuerwerk an lustigen Ideen ab. Das hagere Kindermädchen und die dicke Magd Berta zicken sich saftig an, die Litfasssäule wird zur Imbissbude, an der Fräulein Andacht ihren Kummer über den kriminellen Geliebten Robert ertränkt, Pünktchen und Anton rappen über die Ungerechtigkeit der Welt, das Telefon bei Direktors entfaltet virulentes Eigenleben. Poetischer Höhepunkt ist Pünktchens fantasiereich ins Bild gesetzte Traumszene, mit tanzenden Streichhölzern, Eltern in Matrosenanzügen und teuflischen Gesellen im Kleiderschrank. In der knapp zweistündigen Inszenierung gibt es nach zögerlichem Beginn kaum Atempausen. Aufs Tempo drückt namentlich Alisa Levin, die Pünktchen gekonnt, wenn auch etwas überdreht als Energiebündel auf dem girliehaften Grat zwischen kesser Göre und werdender Frau spielt. Holger Foests Anton, schon bei Kästner holzschnittartig übergutmenschlich, muss dagegen etwas blass wirken. Martina Struppek ist kernig als patente Magd, Nina El Karsheh ein überzeugend verhärmtes Kindermädchen, Matthias Schamberger ein schön schmieriger Fiesling. Das junge Publikum auf den vollen Rängen ist bis zum guten Ende konzentriert dabei. Viel Applaus. Montag, 08.11.2010 |