| Zwi Chinisin mit gir nix |
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| Geschrieben von: Martin Bertram |
| Montag, den 22. November 2010 um 11:13 Uhr |
Zwi Chinisin mit gir nix
Deutsche Erstaufführung der "Lebensansichten zweier Hunde" von Meng Jinghui im Staatstheater BraunschweigVon Martin Jasper
Doch, doch, sie kommen auch drin vor, die drei Chinesen aus dem alten deutschen Gaga-Liedchen, wo man immer pro Strophe nur einen Vokal verwenden darf. Und sie tragen auch einen Kontrabass auf die Bühne, wenn auch nur aus Pappe. Ein bisschen gaga ist das ganze Stück, eine wilde Mischung aus Kulturen und Realitätsebenen. Wir erleben auf der Bühne zwei Schauspieler, die zwei Schauspieler spielen, die zwei Hunde spielen, die zwei chinesische Wanderarbeiter spielen. Durch diese Brechung entsteht eine Distanz, die signalisiert: Wir tun gar nicht so, als könnten wir uns eins zu eins in chinesische Verhältnisse einfühlen. Wir sind deutsche Schauspieler, die das ausprobieren. Tobias Beyer und David Kosel springen virtuos zwischen den Ebenen herum. Sie verwursten Beckettsche Absurdität, Slapstick, Clownerie, Rockmusik und spielerische Gesellschaftskritik zu einer ulkig-traurigen Geschichte des Scheiterns. Die eigentliche Handlung ist freilich dünn. Manche Pointe kommt aus dem etwas schlichteren Kabarett. Und am Ende hat man schon das Gefühl, das Stück von Meng Jinghui ist hier mit allen möglichen Theatermitteln bis zum Gehtnichtmehr aufgeblasen worden. Zwei Wanderarbeiter kommen nach Peking, versuchen sich vergeblich in diversen Broterwerben, kommen ins Gefängnis, werden krank und von Ärzten ausgenommen, um schließlich mit einem Moped wieder in ihr Dorf zu knattern. Aber wie das in der Inszenierung von Marc Becker nach etwas zähem Beginn mit den beiden unglaublich wandlungsfähigen und bis zur Erschöpfung spiellaunigen Komödianten aufgeblasen wird, das ist umwerfend. Wie sie mit Wischmop auf dem Kopf das klassische chinesische Agitprop-Theater verulken, wie sie mit windschiefen Tönen bei einem Schlagerwettbewerb zu reüssieren versuchen, wie sie sich vor lauter Hunger ellenlange Speisekarten vorbeten, wie einer bei dem Versuch, sich zu erschießen, nur vier Ameisen erledigt, wie sie huckepack per Tröte eine wilde Mopedfahrt simulieren, das ist pralle Theaterfantasie. Zugleich wird hier vorgeführt, wie eine subversive Dada-Poesie den chinesischen Machtapparat aus Partei-Räson und Wirtschafts-Rationalität untergräbt. Die beiden stehen für die Millionen Verlierer dieses Systems. Und es sind gerade die Nichtsnutze, die Scheiternden, denen unsere Sympathie gehört. Das Stück verschweigt weder den Analphabetismus auf dem Land noch die Folter in den Gefängnissen. Und wenn unsere beiden Antihelden per Fernseh-Aufruf gesucht werden, dann verrutschen andauernd Ton und Bild derart, dass diese obrigkeitliche Anstrengung zur Lachnummer wird. In besonders trostlosen Augenblicken werden imaginäre Briefe der Mutter aus der Tasche gezogen, die freilich nur aus leeren Blättern bestehen. Der lesekundige Hund "liest" dem Analphabeten daraus eine Handlungsanweisung zu seinen Gunsten vor. Das heißt: Auch der Zusammenhalt der Schwachen ist eine höchst unsichere und mitunter manipulative Sache. Am Ende sind die Schauspieler sowie die Musiker Jens Hasselmann und Peter M. Glanz durchgeschwitzt bis aufs Jackett. Und die drei chinesischen Statisten mit ihrer Kontrabass-Pappe dürfen auch noch mal rein. Langer Applaus, Begeisterung. Nächste Aufführungen: 24. November, 12. Dezember, 19.30 Uhr, im Kleinen Haus, Karten: 0531/1234567. Braunschweiger Zeitung: 22. November 2010, Kultur, Seite 13 |